Auf den Spuren der Himmelsscheibe

Manchmal gibt es verdammt gute Gründe, statt des Motorrads das Auto zu nehmen: wenn es zum Beispiel Februar ist, und es liegen zwei Meter Schnee bei minus 25 Grad, oder man transportiert seinen halben Hausstand von Burghausen nach Halle. Ein Tagesausflug zu historischen Plätzen der Umgebung gehört definitiv nicht dazu.
Deshalb knirsche ich mit den Zähnen, als ich morgens mit dem Auto aufbreche – ja, ich hatte zuhause einiges eingepackt und konnte nicht, wie üblicherweise, mit dem Bike fahren. Trotzdem schaue ich mir heute zwei der bedeutsamsten und faszinierendsten Orte an, die es in Sachsen-Anhalt gibt.

Nach 50 Kilometern und einer knappen Stunde stehe ich auf dem Parkplatz im Nebraer Ortsteil Wangen – eine relativ schmale Straße führt von Nebra aus hierher. Noch sind nicht viele Besucher da; das wundert mich auch nicht, denn obwohl man hier vor einigen Jahren ein modernes und architektonisch ansprechendes Informationszentrum, die Arche Nebra, hingestellt hat hat, leidet das Konzept am Fehlen der wichtigsten Zutat – der Himmelsscheibe selbst. Die ist im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ausgestellt, und natürlich habe ich sie mir dort schon angeschaut.

Blick vom Aussichtsturm auf dem Mittelberg zurück zur Arche Nebra
Blick vom Aussichtsturm auf dem Mittelberg zurück zur Arche Nebra

Mit einer Handvoll älterer Touristen, von denen einige unübersehbar mühsam die Steigung zur Arche hinaufgekeucht sind, betrete ich die Arche. Die landestypische Freundlichkeit hinter der Theke weist mich erstmal auf die hier geltenden Corona-Regeln hin. Auch wenn’s nervt, verstehe ich es – viel bringen wird es nicht – das werde ich gleich selbst merken.

Die Ausstellung selbst ist nicht groß, und so halte ich mich auch nicht lange auf. Sie ist nett aufgebaut, mit einigen verspielten Elementen, und die nicht nur für Kinder. Wer sich vor dem Besuch etwas mit der Scheibe und ihres Fundes beschäftigt hat, wird fachlich aber nichts Neues mehr entdecken. Zur Anschaulichkeit der Geschichte kann das Zentrum dennoch beitragen.

Den Film, den es in einem kleinen Kinosaal zu sehen gibt, spare ich mir notgedrungen: kurz nachdem ich einen Platz mit genügend Abstand zum Sitznachbarn gefunden habe, kommt eine Reisegruppe herein, die sich, ohne sich um irgendwelche Regeln zu scheren, alle miteinander in die erste Reihe des Saals setzen, und sofort ihre Masken herunterreißen. Einen fassungslosen Moment später suche ich das Weite. Kein Film

Eine gute halbe Stunde habe ich in der Ausstellung verbracht, und dafür 7,50.- € Eintritt hingeblättert. Ich bemühe mich mal, nicht zu vergleichen, beispielsweise mit dem Landesmuseum, in dem die echte Scheibe steht (5.-€).

Auf den nächsten Teil freue ich mich, auf die Wanderung zum Fundort. Der Weg führt eine Zeitlang sanft auf einer Forststraße bergan, bis ein schmaler Trampelpfad rechts in den Wald einbiegt. Es ist warm, kleine fliegende Biester hängen in der Luft und mir im Gesicht, und das hohe Gras kommt mir von allen Seiten unangenehm zu nahe. Viele Leute sind hier noch nicht gegangen, und ich bleibe auf der Strecke bis zum Aussichtsturm auf dem Mittelberg alleine. Es gibt einen alternativen Weg, und wahrscheinlich sind alle anderen dort unterwegs.

Die Fundstelle selbst ist, nun ja, unauffällig. Sie ist mit einer Scheibe aus poliertem Edelstahl abgedeckt, um die eine Absperrung angebracht ist. Wolken und Blau spiegeln sich auf der Oberfläche, und das ist genau die Geschichte – das „Himmelsauge“ soll eine Verbindung zwischen Himmel und Erde herstellen, in Anlehnung an die Symbolik der Himmelsscheibe selbst.

Das "Himmelsauge" deckt den Platz der Grabung ab
Das „Himmelsauge“ deckt den Platz der Grabung ab

Als ich ratlos davor stehe, spüre ich nichts von dem, was ich an anderen mystischen Plätzen gefühlt hatte, das unmittelbar Greifbare, die Verbindung von Vorstellungskraft und Materie. Am stärksten hatte ich dieses Erlebnis auf dem Carrowmore Megalithic Cemetery, bei Cairn und Dolmen: Du berührst die Steine, und vor Deinem inneren Auge macht gleichzeitig tausende Jahre früher jemand dasselbe. Ein mächtiges Gefühl, das ich an diesem Ort nicht finden werde: die moderne Symbolik, der Designturm, die Optik des Auges polieren den letzten Rest Vergangenheit weg.

Blick vom Aussichtsturm – die astronomisch bedeutsamen Richtungen sind durch Streifen im Gelände dargestellt
Blick vom Aussichtsturm – die astronomisch bedeutsamen Richtungen sind durch Streifen im Gelände dargestellt

Natürlich muss ich auf den Aussichtsturm. Und klar schwitze ich oben wie ein Schwein. Die Rundsicht über das Gelände und die Landschaften um den Mittelberg entschädigt dafür. Ohne die Erklärungen auf der Brüstung wäre ich aufgeschmissen, habe schon mal etwas vom Kyffhäuser gehört, einordnen konnte ich es (ja, das Gebirge) bis jetzt aber nicht. Von hier erkennt man das Kyffhäuserdenkmal gut mit bloßem Auge.

Blick zum Kyffhäuser
Blick zum Kyffhäuser

Auf den nicht zugänglichen Pfeiler des Turms haben Andere Münzen geworfen, und vermutlich versucht, dass diese auch liegenbleiben und nicht auf der anderen Seite hinunterfallen. Nette Idee. Heute spar ich mir das ausnahmsweise, denn alleine macht das Spiel keinen Spaß. Eine Millisekunde stelle ich mir vor, ich würde da rüber klettern … geniale Eingebung, vielleicht ein anderes Mal.

Lohnt sich noch nicht wirklich
Lohnt sich noch nicht wirklich

Die paar Leute, die mit mir hier waren, sind nun offenbar auf dem Weg, auf dem sie gekommen waren, wieder zurück gegangen. Locus Maps und das Wissen, dass ich hier eigentlich auf einem Rundweg bin, führen mich auf einen Waldweg, nicht ganz so schmal wie der vorherige, auf dem es zügig bergab geht. Ich komme am Ölberg raus, und ein paar Minuten später stehe ich an meinem Ausgangspunkt auf dem Parkplatz. Hey, und da sind niederländische Biker! Soll ich mich outen? Ihnen erzählen, dass ich nächsten Monat in Amsterdam bin? Und gerade dabei bin, holländisch zu lernen? Ach nee, vielleicht ein andermal :-P)
Jetzt geht’s erstmal weiter nach Goseck.

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