1. Juni – Portree – Applecross

Es ist ziemlich windig, doch an den geschützteren Stellen erheben sich schon wieder die Midges-Armeen aus dem Gras. Meine Zeltnachbarn haben sich mit einem Midgeshut gewappnet, und das tue ich nun auch, damit ich einigermaßen unbeschadet zur Dusche und zurück komme.

Man arrangiert sich mit den Midges

Man arrangiert sich mit den Midges

Ein Safer-Selfie

Ein Safer-Selfie

Heute geht’s zum Old Man Of Storr – der liegt allerdings nicht Richtung Meer, wie man anhand der vielen Bilder im Internet eigentlich vermuten könnte, sondern in Richtung Landesinnere an einem der kleinen Binnenseen, von denen es hier so viele gibt. Das Problem ist bloß… wie komme ich hin?

Es gibt einen kleinen Parkplatz an der A855, und dann hieße es laufen, und zwar bergauf, und in Motorradkluft – die Entscheidung fällt mir nicht schwer, als ich dort stehe und es so richtig kalt ist: ich war hier, es passt schon irgendwie.

Morgens in den Highlands findet man...

Morgens in den Highlands findet man…

... eine unglaubliche Idylle

… eine unglaubliche Idylle

Ich fahre weiter Richtung Kilt Rock and Mealt Falls. Die Fälle selbst sind nicht besonders spektakulär: ein kleiner See, der Loch Mealt, ergießt sich durch einen kleinen Bach über die Klippen – schön anzuschauen. Dafür liegen sie motorradfreundlich direkt neben der Straße, und es gibt einen kleinen Parkplatz. Hier mache ich meine Frühstückspause.

Ein Auto kommt dazu, ein Japaner mit einem Leihwagen, der, obwohl der gesamte Parkplatz frei ist, sich genau in meine Fahrtrichtung stellt, genau vor meinen Vorderreifen. Ich starre ihn an, er starrt zurück, ich gebe ihm ein Zeichen, und er fährt ein Stück weiter.

Kilt Rock – warum die Felsformation so heißt, erschließt sich ohne viel Fantasie, wenn man an den Fällen vorbei die Küstenlinie entlang nach Norden sieht.

Wie war das mit den Geheimtipps (hier entsprechenden Textbaustein einfügen)? Die C1225, die Quiraing Road, ist so einer. Statt der Küste zu folgen, lieber diesen Pass nehmen. Klar, dass auch ich das mache.

Vorher muss ich mir in dem kleinen Nest Staffin in einem Laden einen halben Liter Wasser kaufen – ein Pfund – gesalzen. Doch ich brauche dringend etwas zu trinken, und der nächste Supermarkt ist nicht in Sicht. Eine Lehre… möglichst frühzeitig einkaufen, wenn ein Supermarkt kommt, denn hier sind die nicht zu allzu breit gestreut.

Jetzt geht’s über den Pass. Ich mag Berglandschaften, und auch diese hat einen ganz besonderen Charme – vielleicht etwas zu karg, es gibt kaum Bewuchs – eine Gebirgssteppe. Ein Geheimtipp ist der Pass nicht (mehr), vielleicht, weil Urlaubszeit in Schottland ist – oft muss ich auf einem der Passing Places stehen bleiben und warten.

Die Parkplätze sind voll, und mit dem Motorrad überlege ich mir, ob ich wirklich stehenbleiben will: geht es in Fahrtrichtung bergab, muss ich besonders darauf aufpassen, dass vor mir kein anderes Fahrzeug mehr Platz hat: ich kann nicht einfach den Rückwärtsgang einlegen, um ein bisschen Abstand zum Vordermann zu gewinnen.

Am Ende des Passes erwartet mich...

Am Ende des Passes erwartet mich…

...ein pittoreskes Türmchen

…ein pittoreskes Türmchen

Am Ende des Passes erwartet mich eine wunderschöne kleine Stadt, Uig. Auf einmal tut sich das Meer vor mir auf, der Hafen, und allein für dieses Bild hat sich die Fahrt über den Pass gelohnt. Ich stelle das Moped mangels eines geeigneten Parkplatzes schnell auf den Fußgängerweg, steige ab, laufe ein paar Schritte zurück, und fotografiere ein Türmchen.

Die Landschaft, durch die ich hier fahren darf, ist wunderschön. Mir kommt in den Kopf, dass ich trotzdem vorwiegend auf die Straße schaue – wundert’s? Damit ich wenigstens ein bisschen genießen kann, muss ich bewusst stehen bleiben. Kilometer um Kilometer wiederholen sich die Hügel, diese gelben Sträucher. Der Wind bläst einem um die Ohren und beutelt das Motorrad hin und her – man kühlt schnell aus. Das Thermometer zeigt in Küstennähe 12 C.

Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, in der Gruppe zu fahren wäre schöner, und auch wenn man dann nicht so oft dort stehen bleiben kann, wo man selbst es will, würde man sich vielleicht manchmal leichter tun, gerade wenn man sein Zeug einfach mal irgendwo stehen lassen kann – irgendjemand passt immer darauf auf. Außerdem gehen mir die Gespräche ab, dass miteinander teilen dessen, was man sieht und erlebt. Doch genau diese Gedanken sind es, die die Tour noch wertvoller für mich machen.

Zweites Frühstück in Broadford

Zweites Frühstück in Broadford

Ich lasse einen Teil der Isle of Skye aus und lande wieder in Broadford. Als ich in den Ort einfahre, sehe ich an der rechten Straßenseite ein kleines Café, stelle mein Moped ab, geh rein und bestelle mir ein Breakfast inklusive Haggis. Der schmeckt hier einfach fantastisch – etwas scharf, aber wenn man das mag, ist er ein Erlebnis. Ich sitze also da, esse, trinke eine Tasse Kaffee dazu, und auf einmal kommt der Land Rover Defender aus Herne an, mit Alex und Christoph.

Alex erklärt, sie habe ein Plakat für eine Fotoausstellung gesehen „wie die Schotten ihr eigenes Land sehen“. Dann jedoch habe Sie mein Motorrad stehen sehen und angehalten.

Sie erzählt eine Geschichte: dort, wo sie zuletzt übernachtet hätten, habe sie ein „Penner“ angeschnorrt. Es stellte sich allerdings heraus, dass der Mann der Organisator eines Mountainbike-Events in Fort William war, und für ihre Freundlichkeit habe er sie dorthin eingeladen.

Jetzt ist Alex Urlaub zu Ende, und Christoph fährt sie nach Glasgow zum Flughafen. Er macht dann noch zwei weitere Wochen Urlaub in Schottland.

Ich mache mich auch wieder auf und verlasse die Isle of Skye. Nach einem kurzen Tankstopp in Kyle of Lochalsh biege ich Richtung Applecross ab und auf einmal ist alles wieder da: Berge, Felsen, Vegetation, es geht wieder auf und ab, wunderschöne Strecken.

Der Pass nach Applecross ist sehr eng, doch unglaublich genial zu fahren – ich genieße es, und ich werde es morgen wieder genießen, wenn ich ihn in der anderen Richtung noch einmal fahren darf.

Am Gipfel des Passes

Am Gipfel des Passes

Der Campingplatz liegt direkt am Ende des Passes, noch bevor man in den Ort kommt. Ich fahre auf den Platz, checke ein, und nach dem Zeltaufbau steht erstmal die Wäsche an. Der Platz ist nicht komplett ausgestattet: es gibt nur einen kleinen Raum für die Wäsche und das Geschirr.

Das führt zu Verwirrung als eine Frau, ein bisschen älter als ich, mit ihrem Geschirr dazu kommt und mich meine Wäsche waschen sieht. Wir waschen dann beide nebeneinander, sie links Geschirr, ich rechts meine Unterhosen.

Es ist warm, die Sonne brennt vom Himmel. Ich hänge die Wäsche auf und nutze das freie WLAN, um mit Mary zu telefonieren.

Noch ausreichend Platz

Noch ausreichend Platz

Abendspaziergang am Applecross Inn

Abendspaziergang am Applecross Inn

Dann gehe ich in den Ort runter und hole mir an einem kleinen Stand Fish & Chips. Der Stand gehört zum Hotel gegenüber, dem Applecross Inn – er verkauft billiger, dafür muss man draussen essen, darf sich allerdings im Hotel ein Guinness holen. Das mache ich auch und geniesse in der Abendsonne mein Abendessen.

Bevor der Tag endet, packe ich meine Drehleier, gehe ein Stück Richtung Pass, setze mich zu ein paar Rindviechern und spiele eine halbe Stunde für sie. Nur eine halbe Stunde, denn dann fliegen sie wieder, die Midges, und wenn das passiert, geht gar nichts mehr.

Nicht im Bild: das tierische Publikum

Nicht im Bild: das tierische Publikum

Ich hab mir einen Sonnenbrand eingefangen – offenbar zu oft mit offenem Visier gefahren. Das habe ich gar nicht gemerkt, und erst als die Nase angefangen hat zu jucken, habe ich in den Spiegel geschaut und mein rotes Gesicht gesehen. Jetzt bin ich mich mit Bepanthen eingekleistert.

Wohin jetzt?

Wohin jetzt?

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