Anfahrt

„Sing me a song of a lad that is gone…“, und der bin wohl ich. Drei Tage Anfahrt haben mich nach Amsterdam gebracht; jetzt sitze ich auf der Fähre, nach einem Glas Murphy’s, einem weiteren guten Gespräch mit Gerd, und schreibe meinen ersten Blogeintrag.

Gerd ist mein kurzzeitiger Begleiter, mit dem ich mir die Fährpassage teile. Er hatte sich auf meinen Aufruf bei den Netbikern gemeldet, und so fahre ich zur Hälfte des Preises. Gerd ist 65, Vorsitzender eines CDU-Ortsverbandes und bekennender BVB-Fan. Den bayrischen Whisky, den ich ihm angeboten habe, trinkt er trotzdem, und er schmeckt ihm offensichtlich.

So geht’s los: Alles Wichtige dabei

1.074 km Anfahrt, 75 mehr als im letzten Jahr. Den ersten Abend habe ich auf einem netten kleinen Waldcampingplatz in Mulfingen verbracht, schon mal im Zelt, und schon mal mit regem Menschenkontakt. Das ist ein Ziel für meine Reise: mit Leuten ins Gespräch kommen, sei es Small Talk, oder, wie mit Gerd und seiner Frau, wenn es passt auch mehr.

Also sitze ich in dem kleinen Blockhaus am See und rede ein bisschen mit dem Eigentümer des Platzes und dessen Vater. Der hatte schon drei Bier, wie er mir mitteilt, damit ich einige seiner Äußerungen besser einordnen kann. Nett, er merkt es selber.

Eine Nacht im Fass – ist das noch Camping?

Und dann meine Drehleierkontakte… ja, richtig, ich habe die Drehleier dabei. Auf dem Motorrad in einer wasserdichten 130 Liter-Tauchertasche. Ein Traum: ins Land des Borduns fahren (JEDER denkt bei Dudelsack an Schottland), sich in den Ruinen eines Castles hinsetzen und leiern. Und am See in Mulfingen setze ich mich hin und fange zu spielen an, und es dauert nicht lange, und es versammeln sich ein paar Kinder und deren Eltern um mich und hören mir und meinen Erklärungen zu (tja, ich bin schon ein alter, weiser Leiermann). Allzulange dauert das freilich nicht, denn die Luft am Abend wird feuchter, und die Leier merkt das, hält dies für eine ziemliche Zumutung, und bevor sie richtig zu zicken anfängt, packe ich sie wieder ein.

Es ist 11 Uhr am zweiten Tag, ich stehe auf einem Parkplatz bei Schotten (sic!, am Vogelberg), habe das nasse Zelt ausgebreitet und lasse es in der ersten Sonne des Tages trocknen. Dauert 15 Minuten. Genial.
Ein Polizist auf einem Motorrad hält an, fragt mich nach dem Wohin und ob ich Hilfe brauche. Nö, alles gut, nur eine Pause nach 4 Stunden Fahrt durch Odenwald und Spessart.

Zelt und Handtuch trocken schnell

Zelt und Handtuch trocken schnell

Nach der Pause bin ich komischerweise unkonzentrierter als vorher, fahre ein paar Mal an Abzweigungen vorbei, die mir mein Navi anzeigt, und dann passiert’s: Nach einer sehr unkonzentrierten Wende kippt das Moped. So aufgepackt, wie es ist, bekomme ich es nicht hoch. Runter mit Leier, Zelt und Tankrucksack, und bevor ich es selbst versuchen kann, hilft mir einer der tausend Biker, die heute an Fronleichnam unterwegs sind, mein Moped aufzustellen.

Nach 400 km Überlandfahrt bin ich fix und alle, es ist 15 Uhr, und ich bin seit 7 Uhr unterwegs. Ein offenes Café finde ich auch nicht, und McD entwickelt eine unheimliche Anziehungskraft (der Kaffee ist ja nicht schlecht). Also fahre ich bei Soest auf die Autobahn und brettere die letzten 100 km zu Gerd, der mich mit Kaffee und Kuchen empfängt.

Ich werde so freundlich aufgenommen – Gerd hat Gäste: sowohl sein Sohn mit Freundin ist spontan gekommen, als auch zwei Freunde der Familie, Georg und Ulrike. Ich komme mir zu keinem Zeitpunkt störend vor, ich genieße die Gespräche, und beziehe nicht Stellung, als es um Fußball geht.

So angestrengt schau ich, weil ich die Leier gerade mal 3 Wochen habe

So angestrengt schau ich nur, weil ich die Leier gerade mal 3 Wochen habe 🙂

Gerd ist Whiskykenner und hat eine kleine feine Sammlung in seiner Schatzkiste. Auch dieser Abend wird feucht, und ich packe die Leier aus, Heidrun dazu ihre Veehnharfe, und wir spielen ein paar Stücke zusammen.

Heute morgen ging’s um 10 Uhr los, relativ spät, und mein Navi führt uns Überland Richtung Amsterdam. Nur die letzten 60 km kürzen wir über die Autobahn ab, um die Stadtmitte zu umgehen.

Bodenschwellen in Holland

Es muss einem Irren eingefallen sein – wenn schon Mopeds (oder Autos) in Holland existieren müssen, machen wir ihnen das Leben doch einfach zur Hölle. Und so bauen die Holländer neben 60er-Zonen, kilometerlangen sinnfreien Überholverboten auch noch Bodenschwellen, bei denen man dem Herrgott auf Knien danken möchte, dass es eine Enduro geworden ist. Abstand zwischen den rudelweise auftretenden Schwellen: gefühlt 2 Meter oder weniger.

Ich hatte Gerd von dem kleinen Fischmarkt erzählt, dem Mary und ich beim letzten Mal entdeckt hatten – wir stärken uns mit Herings- und Makrelensemmel, und die sind so frisch einfach nur lecker. Ich nehme noch eine Makrele als Proviant mit an Bord.

Wer möchte dieses Vieh nicht in der Semmel haben?

Wer möchte dieses Vieh nicht in der Semmel haben?

Der Check-In geht zäh, wir stehen relativ lange in der falschen von 5 Motorradschlangen. Als sich die erste bewegt und keiner aus den anderen Reihen es wagt, sich anzuschließen, zögern Gerd und ich nicht lange und hüpfen rüber, und sind tatsächlich 5 Minuten später an Bord. Murphy kann mich mal.

Morgen geht es richtig los, denn morgen Abend bin ich in Schottland.

Stärkung und Proviant für Gerd (r.) und mich

Stärkung und Proviant für Gerd (r.) und mich

Lange, lange Schlange

Wenn schon Murphy, dann so

Wenn schon Murphy, dann so

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