Drehleiertour – Teil 1

Ob ich einen Affen habe? Gerade noch nicht. Vielleicht finde ich noch einen, der dann zu meiner Drehleier tanzt.
Schon gut, alter Witz – Drehleier und Leierkasten, wer soll das schon auseinanderhalten?

Vor einigen Jahren, als Karl Riedel seine Werkstatt noch in Unterhadermark hatte, habe ich ihn in seiner Werkstatt besucht und mich über Drehleiern informiert, doch die Zeit war irgendwie nicht reif – das hat sich geändert, und als ich letztes Jahr nach Kursangeboten gesucht habe, um das Leiern mal auszuprobieren, bin ich auf Agatharied am Schliersee gestoßen. Und voilà, Mary spielt ein Wochenende lang Sackpfeife, und ich verliebe mich in die Drehleier. Also geht’s auf die Suche.

Eine Recherche im Internet und ein paar Namen, die ich im Kurs aufgeschnappt habe, bringen mich auf die Idee, Marys Jahresurlaub (diesmal ist es Ägypten) zu nutzen und ein paar Drehleierbauer zu besuchen. Meine Wahl fällt auf Alexandra Betz (hat die Werkstatt von Helmut Gotschy übernommen), Helmut Seibert (hat eine Riesenauswahl an Modellen), Guido Falke (hat eine sympathische Website) und natürlich meinen Kursleiter aus Agatharied, Beat Schenk. Angeschrieben, Termine vereinbart, und los geht’s mit Moped und Zelt ausgestattet auf Tour.

Alexandra Betz ist schätzungsweise so alt wie ich, etwas gothic angehaucht, und empfängt mich mit Hund und Kaffee. Ich erzähle ihr gleich mal, was ich mit meiner zukünftigen Leier so alles anfangen will, und muss Abschied nehmen vom Lautenkorpus: für ein Spielen im Stehen ist der nicht unbedingt geeignet, da die Leier immer nach unten wegkippt (wenn ich so im Nachhinein überlege… wie macht das eigentlich Pampatut?).

Was muss meine Leier können?

Drei Voraussetzungen schildere ich jedem der vier Drehleierer zuallererst:

  1. Ich möchte im Stehen und beim Gehen spielen können (man denke nur an unser Burgfest)
  2. Die Leier darf nicht allzu empfindlich gegen Stöße, Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit sein (alles in Maßen natürlich), kein Vitrineninstrument (man denke nur an unser Burgfest)
  3. Die Leier muss kräftig klingen können (man denke nur… hatten wir ja schon)

Alexandras andere Bauformen gefallen mir auch sehr gut; ich kann bei ihr eine Phönix und eine Novello ausprobieren.
Die Phönix Alea gefällt mir gut, der Klang ist kräftig, warm und angenehm. Die Novello wirkt daneben dezenter, was für mich eher gegen dieses Modell spricht: wenn man in der Geräuschkulisse eines Burgfests spielen will, sollte das Instrument ein bisschen mehr Saft haben. Die Tasten der Novello stehen in der hohen Lage sehr eng zusammen, was meine kontragrazilen Finger ausgesprochen freut – man müsste beide Tasten drücke, denn klingen wird nur der höhere Ton… aber das ist gewöhnungsbedürftig.
Am Ende wird es keines der beiden Modelle – die Alea kann nur zwei Melodiesaiten aufnehmen, und ich entwickle im Laufe meiner Fahrt einen Hang zur dritten – aber davon später.
Im Gespräch mit Alexandra lerne ich bereits einiges dazu – auch dafür mache ich ja diese Reise: über Parasitentöne, über die Vorteile von Metallfähnchen, und über die Balance zwischen lautem  und stabilem Instrument.

Die Nacht verbringe ich auf einem kleinen, für das Gebotene recht teuren Campingplatz in Steinhausen in der Nähe von Bad Schussenried. In der Nacht wird es so kalt, dass ich meine Regenkombi überziehe, um schlafen zu können. Mann, der Schlafsack ist für diese Temperaturen nicht geeignet; ich hoffe bloß, dass Schottland wärmer wird.

Ganz pittoresk, aber Campingplatz geht auch anders

Ganz pittoresk, aber Campingplatz geht auch anders

Der nächste Tag bringt mich zu Helmut Seibert, der seine Werkstatt ein gutes Stück weiter nördlich hat, nahe Heidelberg.
Als ich in den kleinen Hof fahre, kommt er gerade aus dem Haus, und da ich mich vorher brav mit Ankunftszeit angekündigt habe, weiß er sofort, wer ich bin. Der Empfang ist sehr freundlich – wir gehen in die Werkstatt, und er zeigt mir seine vielen verschiedenen Modelle – es sind so viele, dass er zugibt, nicht immer ganz den Überblick zu haben. Ein paar fertige Leiern liegen im Regal, darunter eine für Linkshänder (richtig, die Kurbel ist links). Die kann er als Rechtshänder selbst zwar nicht vorführen, dafür spielt mir Helmut die anderen Leiern an – zwei Pilgerleiern und eine Erlkönig. Auch bei ihm erfahre ich wieder einiges Neues, zum Beispiel das Fichtendecken für einen stärkeren Klang sorgen.

Als ich ihn nach den Namen seiner Instrumente frage, und ob diese irgendeine historische Bedeutung hätten (könnte man bei Pilger- oder Bauernleier ja doch meinen), lacht er und erzählt, diese Namen seien seiner Fantasie entsprungen; lediglich die Deutsche Leier habe ein reales Vorbild.
Wir gehen ins Haus, wo Helmut im Wohnzimmer seine ersten Modelle aufbewahrt. Dort hängt auch eine Deutsche Leier – er nimmt sie mit und spielt sie an – und ist überrascht, wie kräftig sie klingt und wie gut sie ohne weiteres Zutun noch spielbar ist. Würde ich mich für eine seiner Leiern entscheiden, wäre diese mein Leihinstrument (bis zur Fertigstellung meiner eigenen).

Helmuts Frau hat Kaffee gemacht, und da nun wirklich mal die Sonne rauskommt, setzen wir uns vors Haus, trinken Kaffee und essen Kekse. Kurz gesellt sich auch sein Sohn dazu, und mit ihm wendet sich das Gesprächsthema kurz dem Motorradfahren zu. Als ich mich verabschiede, schenkt mir “Jule” (Helmuts zweiter Vorname ist Julius) einen kleinen Band mit eigenen Gedichten und Texten, den er Ende 2015 herausgebracht hat. Ich freue mich, danke ihm für seine Gastfreundschaft und mache mich wieder auf den Weg.

Klar, und wenn ich schon mal hier bin, fahre ich in Walldorf gleich mal bei SAP vorbei und mache ein Beweisfoto – ich war hier, mit dem Moped! Welcher meiner Kollegen kann (oder will) das schon von sich sagen? Mittlerweile regnet es wieder, und es ist noch relativ früh am Nachmittag. Ich beschließe, schon mal ein Stück Richtung Freiburg zu fahren, wo mich morgen Nachmittag Guido Falke erwartet.

Manche Dinge müssen einfach sein, auch wenn sie sich einer vernünftigen Erklärung entziehen

Manche Dinge müssen einfach sein,
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